MSA-C

DHAG e.V.

Deutsche Heredo-Ataxie Gesellschaft

Multisystematrophie (MSA)

Thomas Klockgether, Friedmar R. Kreuz, ...

Was ist MSA?

Multisystematrophie (MSA) ist eine seltene, sporadische, progressiv verlaufende Erkrankung des mittleren und höheren Erwachsenenalters, die durch Neurodegeneration in den Basalganglien, im Kleinhirn, im Hirnstamm und den intermediolateralen Zellsäulen des Rückenmarks gekennzeichnet ist.

Charakteristisches neuropathologisches Merkmal der MSA ist das Auftreten von Alpha-Synuklein-haltigen, oligodendroglialen, zytoplasmatischen Einschlusskörpern. Klinisch ist die MSA durch das gemeinsame Auftreten von zentralen Bewegungsstörungen (Parkinson-Syndrom, zerebelläre Ataxie) und schwerem autonomen Versagen gekennzeichnet.

Je nach im Vordergrund stehender neurologischer Symptomatik wird zwischen einem Parkinson-Typ (MSA-P) und einem zerebellären Typ (MSA-C) unterschieden.

Wie häufig ist die MSA?

Epidemiologische Untersuchungen werden dadurch erschwert, dass die klinische Diagnose unsicher ist und MSA, vor allem im Frühstadium, schwer von der idiopathischer Parkinson-Krankheit und degenerativen Ataxie-Erkrankungen zu unterscheiden ist.

In epidemiologischen Studien dürfte daher die Häufigkeit der MSA eher unterschätzt werden. Einer methodisch sorgfältigen epidemiologischen Studie aus Großbritannien zufolge beträgt die Prävalenz der MSA 4,4 : 100.000. Männer sind häufiger von MSA betroffen als Frauen: das Geschlechterverhätnis beträgt 1,3 : 1.

Wie entsteht MSA?

Bei der MSA werden degenerative Veränderungen in Form von neuronalem Zellverlust und Gliose (Vermehrung von Gliazellen im ZNS) in weiten Teilen des zentralen Nervensystems beobachtet. Die Ursache der MSA ist unbekannt.

Bis heute ist es nicht gelungen, ursächliche Genmutationen zu finden oder Assoziationen mit genetischen Polymorphismen nachzuweisen. Ebensowenig konnten bisher Umweltfaktoren identifiziert werden, die das Risiko, an MSA zu erkranken, beeinflussen. Auch die molekulare Pathogenese der MSA liegt weitgehend im Dunkeln.

Was sind die Symptome der MSA?

Das klinische Bild der MSA ist durch unterschiedliche Kombinationen aus Parkinson-Syndrom, zerebellärer Ataxie, Pyramidenbahnzeichen und autonomem Versagen gekennzeichnet.

Bei einem Teil der MSA-Betroffenen beginnt die Erkrankung mit autonomen Störungen, wie Drangsymptomatik der Blase oder erektiler Dysfunktion (Störung der Steifigkeit des männlichen Gliedes; Erektion).

Die Parkinson-Symptomatik bei MSA-P-Patienten unterscheidet sich von der bei Patienten mit idiopathischer Parkinson-Krankheit vor allem durch das schlechtere Ansprechen auf L-Dopa.

Etwa 75 % der MSA-P-Betroffenen haben eine akinetisch-rigide Parkinson-Symptomatik, die anfangs bei etwa der Hälfte der Erkrankten einseitig ist. Im weiteren Verlauf entwickelt sich aber fast immer eine symmetrische Symptomatik. Tremor ist nur bei etwa 25 % der MSA-P-Betroffenen vorhanden.

Die zerebelläre Ataxie bei der MSA-C ist wie bei vielen anderen degenerativen Ataxie-Erkrankungen durch Symptome gekennzeichnet, die auf eine diffuse Schädigung des Kleinhirns hinweisen.

Aus diesem Grund ist eine Abgrenzung der MSA-C von anderen Ataxie-Erkrankungen, z. B. der sporadische Ataxie unklarer Genese, niemals aufgrund der zerebellären Symptomatik, sondern nur durch den Nachweis von Parkinson-Symptomen oder autonomen Funktionsstörungen möglich.

Die zerebelläre Ataxie umfasst Gang- und Standataxie, Ataxie der Extremitäten, Aktionstremor, Sprechstörung und zerebelläre Störungen der Okulomotorik.

Die Beteiligung der Pyramidenbahn bei der MSA zeigt sich meistens durch Steigerung der Muskeleigenreflexe und ein positives Babinski-Zeichen. Eine spastische Erhöhung der Muskelspannung (Tonus) ist nur bei sehr wenigen Patienten nachweisbar.

Eine orthostatische Hypotonie (Absinken des Blutdruckes im Stehen) ist zusammen mit Störungen der Blasenfunktion die wichtigste autonome Funktionsstörung bei der MSA. Der orthostatischen Hypotonie liegt ein Ausfall des Baroreflexes (Regulation des Blutdruckes in Abhängigkeit von der Körperlage) zugrunde, der beim Wechsel von der liegenden in die aufrechte Position durch eine sympathisch vermittelte Gefäßkonstriktion und Herzfrequenzsteigerung das Versacken von Blut in Blutgefäßen der Beine verhindert.

Die Störung des Baroreflexes wird dann symptomatisch, wenn der Blutdruckabfall zu einer Minderdurchblutung des Gehirns führt. Symptome der orthostatischen Hypotonie sind vielgestaltig und reichen vom Schwindel nach dem Aufstehen über „Schwarzwerden“ vor den Augen, unspezifischen Beschwerden bei längerem Stehen bis zum Bewusstseinsverlust (orthostatische Synkope).

Die Funktion des Baroreflexes kann klinisch durch Blutdruckmessung im Liegen und nach dem Aufstehen (Schellong-Test) erfasst werden.

Bei etwa der Hälfte der MSA-Betroffenen ist die orthostatische Hypotonie mit einer arteriellen Hypertonie (Bluthochdruck) im Liegen verbunden.

Neurogene Blasenstörungen sind bei mehr als der Hälfte der MSA-Betroffenen vorhanden und nehmen im Verlauf an Häufigkeit und Schwere zu.

Im Vordergrund steht meist eine Inkontinenz. Bei weniger als 20 % der Betroffenen entwickelt sich zusätzlich eine Stuhlinkontinenz. Bei männlichen MSA-Patienten ist eine Erektionsstörung fast die Regel. Bei einigen geht die Erektionsstörung anderen Symptomen der MSA um Jahre voraus. Bei weiblichen MSA-Patienten ist häufig die genitale Sensitivität reduziert.

Eine charakteristische und früh im Krankheitsverlauf auftretende Störung ist die REM-Schlaf-Verhaltensstörung. Diese äußert sich in nächtlichen, zusammen mit Träumen auftretenden motorischen Aktionen, z. B. in Form tätlicher Angriffe auf den Bettpartner. Andere häufige Schlafstörungen bei MSA sind verstärktes Schnarchen und ein Schlaf-Apnoe-Syndrom.

Weitere autonome Funktionsstörungen sind vermindertes Schwitzen, das sich in einer Hitzeintoleranz äußern kann, und eine verminderte Herzratenvariabilität.

Wie verläuft die MSA?

Das mittlere Erkrankungsalter der MSA beträgt etwa 55 Jahre. MSA verläuft unaufhaltsam progredient. Nach einer Latenz von 5 bis 6 Jahren werden MSA-Betroffene rollstuhlpflichtig. Die mittlere Überlebenszeit nach Krankheitsbeginn beträgt 9 Jahre. Die häufigste Todesursache ist eine Bronchopneumonie.

Wie wird die Diagnose MSA gestellt?

Da es keine genetischen oder biochemischen Marker der MSA gibt, lässt sich klinisch nur eine mögliche oder wahrscheinliche Diagnose stellen, während für eine definitive Diagnose eine Autopsie und neuropathologische Untersuchung erforderlich sind.

Der Nachweis von schwerem autonomen Versagen spielt eine wesentliche Rolle bei der Diagnosefindung.

Apparative Diagnostik und Bildgebung dienen zum Ausschluss anderer Erkrankungen und können bei typischen Ergebnissen die Diagnose weiter stützen. Die MRT zeigt eine Atrophie des Kleinhirns, des Hirnstamms und der Basalganglien.

Wie kann man eine MSA behandeln?

Derzeit ist keine kurative oder präventive Therapie der MSA bekannt. Die einzelnen Symptome der MSA sind in unterschiedlichem Ausmaß einer Therapie zugänglich.

Der stetig progrediente Gesamtverlauf der Erkrankung lässt sich aber durch keine dieser Therapien beeinflussen. Die Parkinson-Symptomatik wird mit L-Dopa behandelt. Eine wirksame medikamentöse Behandlung der Ataxie ist nicht bekannt. Die Behandlung muss sich daher auf übende Verfahren wie Krankengymnastik und Logopädie beschränken.

Zur Behandlung einer symptomatischen orthostatischen Hypotonie werden zunächst physikalische Maßnahmen durchgeführt (Stützstrümpfe, erhöhte Salzzufuhr, Schlafen mit erhöhtem Oberkörper, langsames Aufstehen). Bei Versagen dieser Maßnahmen kommt eine medikamentöse Behandlung mit Mineralokortikoiden und Sympathikomimetika in Frage.